Grundsatzpapier

Grenzen verändern sich ständig, Horizonte verschieben sich – so auch in der Musik: Jugendliche begeistern sich für Blasmusik aus Osteuropa, scheinbar längst ausgediente MusikerInnen aus Kuba faszinieren ein weltweites Publikum, elektronische Beats mischen sich mit folkoristischen Klängen und das Erlernen des Ziehharmonika-Spiels wird so manchem E-Gitarren-Studium vorgezogen. Das, was schwammig als  „Weltmusik“ bezeichnet wird, stößt auch hierzulande auf immer größeres Interesse.
Die Welt wird vernetzt, ihre Distanzen reduzieren sich. Begegnungen auf gleicher Augenhöhe werden immer nötiger, der Abbau von Barrieren dringlicher. Insoferne leistet Weltmusik einen wesentlichen Beitrag zur globalen Verständigung.

1. DER BEGRIFF WORLDMUSIC/WELTMUSIK

Der Begriff Weltmusik entstand Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre, um Musik aus anderen Ländern einen Namen zu geben, bzw. um eine Rubrik zu finden unter der die Tonaufnahmen in Form von Platten und CDs besser zu verkaufen sind. Er bezeichnet jene Musikformen, bei denen regionale und/oder kulturelle Identitäten hörbar und/oder erlebbar bleiben. Wir verwenden den Begriff genre-übergreifend, die Grenzen zu Tanz, choreographischem Theater u. ä. sind fließend. Heute können wir diesen, etwas differenzierter, in drei Kategorien unterteilen:

1.traditionelle Volksmusik unterschiedlichster Regionen der Welt, Melodien und Rhythmen die durch das Aufrechterhalten und Erneuern musikalischer Traditionen weitergegeben werden und die ein Allgemeingut darstellen

2.klassische Musik unterschiedlichster Kulturen zu zählen, die auf jahrhunderte alte Prinzipien und Funktionsweisen basieren (indische Ragas, europäische Oratorien)

3.Crossover: Dabei geht es um das Phänomen einer Brücke zwischen unterschiedlichen Genres, bzw. unterschiedlicher Musiktraditionen. Also wenn z.B. Anouschka Shankar gemeinsam mit Norah Jones auftritt (klassische indische Musik/Jazz) oder z.B. die Produktion Mozart in Egypt (klassische arabische Musik/ klassische europäische Musik), als legendär ist auch das Konzert für die Befreiung Nelson Mandelas 1988 mit dem Auftritt von Youssou N’dour gemeinsam mit Peter Gabriel zu sehen (traditionelle senegalesische Musik mit Popcharakter/Britischer Pop)

Zur Vieldeutigkeit des Begriffes:    
http://de.wikipedia.org/wiki/Weltmusik
http://www.answers.com/worldmusic http://lexikon.meyers.de/meyers/Worldmusic, http://encyclopedia.farlex.com/world+music

2. WORLDMUSIC  IN ÖSTERREICH

In einem europäischen Kontext gilt Wien als eines der neuen Zentren der Weltmusik. Es gibt zahlreiche renommierte Weltmusik-Festivals, eine lebendige balkanische Musikkultur, eine beachtliche World-Electronic- und DJ-Szene im ganzen Land. Dazu zählen auch Österreichs erfolgreiche Vertreter einer neuen Volksmusik.
Neuigkeiten über Festivals und einzelne Künstler/innen: www.jazzzeit.at.
Gleichzeitig bleibt das Genre in einem europäischen Kontext trotz allem unterbelichtet, besteht eine große Diskrepanz zwischen der Metropole und ländlichen Regionen, stockt die Arbeit mit lokalen Traditionen, gibt es zu wenige innovativen Volksmusikant/innen.

3.  BESTANDSAUFNAHME

Unter welchen ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen entsteht Weltmusik hierzulande?

  • es herrscht wirtschaftliche Unsicherheit, Künstler aus dem Süden und Osten werden tendenziell noch schlechter bezahlt als Einheimische
    • es gibt besonders in den größeren Städten Migrationsprobleme, die großen Minderheiten aus Ex-Jugoslawien und der Türkei bilden teilweise Parallel-gesellschaften mit eigenen kulturellen Codes und Verhaltensnormen.

Wie können wir mehr Austausch schaffen?

  • die mediale Wahrnehmung des Themenkreises Weltmusik steht noch am Beginn,   Probleme etwa des Austropop mit dem ORF gelten verstärkt für unseren Bereich
  • für ausländische Künstler/innen werden die Aufenthaltsbedingungen immer schwieriger, Visa-Erleichterungen, Arbeitsbewilligungen müssen erkämpft werden
  • es herrscht Mangel an leistbaren Probenräumen, an Spielorten, Promotor/innen
  • der Kampf um das Publikum braucht Verbündete in der Gesellschaft, der Kulturpolitik, dem ÖGB, den politischen Parteien, den Vertreter/innen der Migranten-Organisationen, den Eigentümer/innen der Medien.

4. WER SIND WIR

Die Plattform Weltmusik wurde von Personen initiiert, die in diesem Bereich tätig sind.
Eingeladen zur Mitwirkung sind alle Organisationen und Einzelnen, die sich mit den Zielen identifizieren, einen Beitrag zur Verbesserung der Lage zu leisten.
Veranstalter/innen, Agenturen, Musiker/innen, Journalist/innen, Labelbetreiber/innen und händler/innen in ganz Österreich sind die Adressat/innen der Plattform Weltkultur. Die IG arbeitet unabhängig von politischen Organisationen, ist sich jedoch des starken gesellschafts-politischen Kontextes dieser Bemühungen bewusst.

5. WAS WOLLEN WIR

    A)  KURZFRISTIG

    -      stärkere Kooperation aller Betroffenen

    • umfassendere gegenseitige Information der Plattform-Mitglieder
    • punktuelles gemeinsames Auftreten in der Öffentlichkeit
    • Entwicklung eines detaillierten Forderungs-Kataloges
    • Verbesserung der Lebensumstände der MusikerInnen
    • Vermeidung sozialer Härtefälle
    • Schaffung von Infrastruktur: eines Mediums und  eines Büros mit bezahlten Mitarbeiter/innen
    • stärkere internationale Vernetzung unter Mithilfe der bereits bestehenden Institutionen

    B) LANGFRISTIG

    • Änderungen in der Bildungspolitik:
      • im Musikunterreicht in den Schulen
      • in der LehrerInnen-Ausbildung
      • in den Rahmenplänen der Musikhochschulen
    • die Errichtung eines „Hauses der Kulturen der Welt“ in vielen Städten unseres Landes
    • die Veranstaltung der Weltmusikmesse WOMEX innerhalb eines Zeithorizontes von 5 Jahren in Österreich.

    (erstellt Mitte Juni 2007/überarbeitet Nov 2009)